Triggerwarnung: Tod, Suizid

Im Jänner 2000 beging mein Schulkollege Michael Steiner Selbstmord. Wir besuchten die 2. Klasse der HTL Mössingerstraße in Klagenfurt und waren 16 Jahre alt. Unsere Deutschlehrerin Edith Keuschnig ermöglichte uns, bei der darauffolgenden Deutschschularbeit als 3. Thema frei über Suizid zu schreiben. So ist dieser Text entstanden.

2. Schularbeit am 13.1.00

Sie mögen mich nicht. Keiner mag mich. Alle hassen mich. Sogar meine Eltern halten nicht mehr zu mir. Ich muss diesen Schritt setzen. Ich sehe aus dem Fenster, sehe die Landschaft vorbeirasen, höre das regelmäßige Geräusch der Zugräder. Meine Gedanken sind verwirrt, ich denke an das Danach, an die Angst vorm Tod. Doch es gibt keinen anderen Weg, ich muss meinem kümmerlichen Dasein ein Ende bereiten. Ob sie um mich trauern werden? Vielleicht bemerken sie dann endlich, wie sie auf mir herumtrampelten, mir nicht zuhörten. Meine Hände zittern, in meinem Magen brodelt die Magensäure vor lauter Aufregung. Ich hoffe nur, mein Tod ist kurz und schmerzlos.

Ich bin angekommen, steige aus dem Zug, leicht irritiert, mein Puls rast. Ich weiß, meine Familie hat mich gemocht, doch warum lassen sie mich dann so im Stich? Nein, ich werde es euch allen zeigen, ihr werdet euch noch wundern!

Ich muss noch ein paar Kilometer zu Fuß gehen, ich habe genau geplant. Es ist dunkel geworden, ich sehe in jeder finsteren Ecke den Tod, habe ihn genau vor Augen. Doch jetzt ist es zu spät, um umzukehren. Ich muss diese Sache durchziehen. Schritt für Schritt komme ich meinem Ziel näher. Ich spüre, wie mein Körper schwach wird. Heute ist also mein letzter Tag auf dieser Welt. Ja, ich erinnere mich an schöne Dinge, aber mein Leben gerät aus den Fugen, ich verliere die Kontrolle, es ist der einzige Weg. Werde ich Gott sehen, oder stirbt mein Geist mit meinem Körper? Nein, ich komme in eine bessere Welt, meine Existenz ist hier nicht mehr von Nutzen. Ich bin ein Nichts.

Was werden die anderen von mir denken? Wahrscheinlich werde ich der dumme Psychopath sein, der sich grundlos umgebracht hat. Grundlos? Nein, sicher nicht. Die anderen sind doch so blind, warum sehen sie meine Probleme denn nicht?

Ich höre schon das Rauschen des Flusses, betrete die Brücke, es ist nicht mehr weit. Ich bekomme weiche Knie, kalter Schweiß bricht aus. Jetzt gibt es wirklich kein Zurück mehr. Mein Leben war doch ein einziger Albtraum, es ist Zeit aufzuwachen.

Sie werden mich bald vergessen, nach einer Woche habe ich niemals existiert. Mein Platz wird eingenommen, meine persönlichen Dinge verschenkt und mein Name wird vergessen. Wenigstens jetzt wird man an mich denken, für kurze Zeit erzeuge ich Aufsehen.

Ich bin in der Mitte der Brücke angekommen. Mir wird schlecht. Ich sehe hinunter in die Tiefe. Eine Träne löst sich und benötigt einige Sekunden, bis sie im Wasser aufschlägt. Zitternd steige ich auf das Geländer, schaue geradeaus, sehe den Himmel voller Sterne. Vor mir geht es 80 Meter in die Tiefe. Der Wind hat aufgefrischt und streicht sanft durch mein Haar. Ich strecke meine Arme nach rechts und links aus und fühle Vollkommenheit. Ich könnte noch nach Hause zurückkehren, so tun, als wäre nichts passiert. Doch ich lasse mich fallen...

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