Triggerwarnung: Tod, Suizid

Mein Sohn Moony hat sich das Leben genommen. In meiner Trauer ist dieser Text entstanden (weitere Texte in der Kategorie: suicide).

Foto von Moony, der in einem Aufzug steht und ein Selfie macht. Kurze blaue Haare, helle Haut, schwarzer Hoodie, olivgrüne Hose. In der rechten Hand hält er eine kleine weiße Medikamentenschachtel. Darüber sind einige Textzeilen eingeblendet: • got a wheelchair • changed legal name & gender • started testosterone • turning 18 • mom found out i smoke • almost kms many times • got a fibromyalgia diagnosis • got caught smoking underage by the police • lost almost 10kg • quit my antidepressants • mh is still shit • barely worked on my and my friend's book • was on two different waiting lists for the hospital • parents spent thousands of euros on doctors/treatments and nothing helped at all • collected like 6 7 reports from psychologists and such to transition

Es war Sonntag, der 14. Dezember 2025 als ich das obige Bild auf Moonys TikTok Account entdeckt habe. Moony lässt hier sein Jahr 2025 Revue passieren, eine Mischung aus Ereignissen und Zielen, die er erreichte. Als Foto wählte er ein Selfie vom glücklichsten Tag seines Lebens im Jahr 2025: als er Ende November das Hormon Testosteron aus der Apotheke abholen konnte. Der Urologe verabreichte es ihm dann als 3-Monats-Spritze. Moony war transgender, die Hormonbehandlung war Teil seiner Geschlechtsangleichung als Mann.

Dieses Bild enthält viel Information. Da ist Sprengkraft. Ich sehe Stolz, fast einen Brag-post? Aber siehst du den Hilfeschrei?

got a fibromyalgia diagnosis

Moonys Gesundheitszustand war schlecht. Für ihn gab es nur 2 Zustände: Schmerzen oder sehr starke Schmerzen. Nach Jahren bei vielen Ärzt*Innen wurde 2025 endlich Fibromyalgie diagnostiziert, eine chronische Schmerzkrankheit überall in Moonys Körper mit Erschöpfungszuständen.

parents spent thousands of euros on doctors/treatments and nothing helped at all

Behandlungen haben nicht geholfen und es wurde schlimmer. Moonys Mutter hat sich sehr dafür eingesetzt, irgendeine medizinische Hilfe oder Therapie zu bekommen. Weil Moony sich nicht mehr lange bewegen konnte, war der Gehstock zu seinem Markenzeichen geworden. Im Bild siehst du hinter seiner rechten Hand den Schaft des Gehstocks.

got a wheelchair

Ein Rollstuhl half ihm zuletzt längere Aktivitäten draußen zu bewältigen, wo er dann mit Rollstuhl länger durchhalten konnte. 10 Minuten gehen oder eine Stiege hinaufgehen waren richtig anstrengend geworden.

Die Krankheit dominierte Moonys Leben, alles musste darauf abgestimmt werden. Sein Bewegungsradius war zumeist auf die Couch eingeschränkt. Der tägliche Schulbesuch wurde ihm zur Qual, er konnte es gerade noch bewältigen und hatte viele Krankenstandstage.

was on two different waiting lists for the hospital

Geplant war ein Aufenthalt in der psychologischen Abteilung des Krankenhauses Villach im Sommer 2025, den Moony allerdings absagte. Geplant war auch ein Aufenthalt in der Schmerzambulanz des Krankenhauses Klagenfurt im Februar 2026, den Moony nicht mehr erlebte. Ich verstehe nicht, warum er diese Möglichkeit nicht mehr in Anspruch nahm.

lost almost 10kg

Durch die Krankheit hatte Moony einen starken Kontrollverlust über sein Leben. Was er kontrollieren konnte war sein Essen und seine Nahrungsaufnahme. Minutiös bereitete er seine Gemüse Bowls mit frischen Zutaten vor, die nur er selbst so exakt anrichten konnte wie er es wollte. Wenn wir zusammen aßen hielt er sich bei den Portionen zurück. Es wirkt auf mich als wäre er stolz auf die Gewichtsabnahme, auch wenn er sonst nicht mit mir darüber sprach.

changed legal name & gender

Völlig unbeirrt setzte sich Moony gegen alle Schikanen des Standesamtes Villach durch und änderte sein Geschlecht zu männlich und seinen offiziellen Namen zu Neil. Die Hintergründe dazu sind abstrus, vielleicht schreibe ich dazu später nochmal was. Ich war stolz darauf, wie er das durchzog, weil es ihm wichtig war.

started testosterone

Die nächste Stufe für Moony als trans Mann war die Hormonbehandlung mit Testosteron. Unsere Hoffnung war auch, dass Testosteron gegen die Fibromyalgie helfen könnte. 80% der Fibromyalgie PatientInnen sind Frauen, eine Änderung des Hormonhaushalts könnte auch eine Verbesserung der Schmerzen bedeuten. Ja, so schlecht sind Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten erforscht, dass alle möglichen Maßnahmen ausprobiert werden.

collected like 6 7 reports from psychologists and such to transition

Er war selbst überrascht, dass er nach dem Einreichen der 3 psychologischen und psychiatrischen Gutachten so "schnell" behandelt wurde. Der Humor hier mit der 6-7 Meme Anspielung ist richtig gut. Als Eltern haben wir Moony dabei unterstützt, leider hat Moony nur mehr 2 Monate mit Testosteron gelebt, bevor er sich das Leben nahm.

mom found out I smoke

got caught smoking underage by the police

Cool story Bro. Das klingt so als hätte Moony regulär geraucht, was nicht der Fall war. Die Ironie dabei war, dass er mit seiner Mutter eine Wette laufen hatte: wenn er bis zum 18. Geburtstag nicht geraucht hätte, dann hätte sie ihm den Führerschein gezahlt. Tja. Sozialer Status unter den Gleichaltrigen war ihm wohl wichtiger. Ich kann das verstehen, ich habe mich als Jugendlicher genau gleich verhalten und hie und da geraucht. Für mich war das ein positives Signal von Normalität: Moony entwickelte sich und probierte sich aus.

quit my antidepressants

Moony hatte Depressionen, die oft mit Fibromyalgie einhergehen. Die Dosierung seiner Antidepressiva war niedrig, und ich betrachtete das Absetzen dieser als Anzeichen, dass es ihm besser ging.

mh is still shit

M. H. sind die Initialien meines Arbeitskollegen, deshalb konnte ich diese Zeile nicht entschlüsseln und dachte an eine Person. Wer ist mh und warum ist er/sie immer noch scheiße? So wie JK Rowling immer noch scheiße ist?

Aber "mh" steht für Mental Health. Also seine psychische Gesundheit war immer noch scheiße. Das habe ich übersehen, ansonsten hätte ich die Situation ernster genommen.

almost kms many times

Als ich diese Zeile las wurde mir schlecht. Ich lag auf der Couch, mir wurde heiß, Panik stieg auf. Neuen Tab aufgemacht, kurze Internetsuche zur Bestätigung. Ja, da steht wirklich: habe mich viele male fast umgebracht.

Das war neu. Davon wusste ich nichts. War das ernst oder übertrieben so wie mit dem Rauchen? Ich malte mir in Gedanken aus, welche Konsequenzen ein Selbstmord hätte.

Ruhig bleiben. Ich habe es gesehen, ich muss was sagen. Ich kontaktierte Moony niederschwellig per Signal-Nachricht: "Hey, ich weiß du hattest ein schweres Jahr und da kommen Selbstmordgedanken. Ich bin für dich da und habe dich lieb. Melde dich wenn du Hilfe brauchst oder wen zum Zuhören brauchst. Dann gibt's noch die Telefonseelsorge und Rat auf Draht wo du auch vertraulich mit jemandem sprechen oder chatten kannst https://www.telefonseelsorge.at/"

Moony antwortete:

Hallo danke für die Unterstützung aber momentan ist es eh kein Thema :)

Ich war erleichtert. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass Moony lügte. Ich ging davon aus, dass sein Jahr 2025 zumindest ok war und er optimistisch in die Zukunft blickte. Zur Sicherheit kontaktierte ich auch Moonys Mutter, sie sprach mit ihm und bestätigte, dass Selbstmordgedanken aktuell kein Thema sind. Leider belügte Moony auch sie und zeigte ihr einen ganz anderen Tiktok Beitrag, wo nichts von seinen Selbstmordversuchen zu lesen stand.

Geschickt hatte Moony die Worte benutzt, die ich hören wollte: dass er sich unterstützt fühlte. Ich vertraute Moony, fand die Situation zwar bedenklich, aber nahm mir nur vor später mal mit ihm darüber zu reden. Dazu ist es nie gekommen, weil ich Moony nach dem 14. Dezember nur mehr 2 mal gesehen habe. Weihnachten und der Geburtstag meiner Schwester schienen mir auch nicht die richtigen Anlässe ein tiefgehendes Gespräch über Suizid zu führen. Am 26. Jänner war es zu spät, Moony war tot.

Vor 26 Jahren nach dem Selbstmord meines Klassenkollegen Michael Steiner habe ich eine wichtige Lektion gelernt: Wer über den eigenen Selbstmord spricht wird Selbstmord begehen. Auch damals schien der Kontext absurd, seine Ankündigung wie ein Scherz. Leider habe ich die Lektion über die Jahre vergessen und musste sie im Jänner auf die schmerzlichste aller Arten wieder lernen: am Selbstmord meines Sohnes.

Meine Enttäuschung ist groß. Ich wünschte ich hätte den Zusammenhang zur Lektion bei Michael herstellen können. Ich wünschte ich hätte einen Zug weitergedacht: wie wird ein 17-Jähriger wohl reagieren, wenn sein Vater Selbstmordabsichten entdeckt und diese stören könnte? Natürlich mit Lügen. Das war die größte Fehleinschätzung meines Lebens, mit dem Tod als absolut schlimmste Konsequenz ohne Möglichkeit zur Wiedergutmachung.

Mir bleibt als Trost nur die Schuld klar zu benennen: Moony hat entschieden sich zu töten, niemand sonst. Ach ja, ich wollte noch einen Text über Schuld und Versagen schreiben, der muss noch warten.

Noch 16 Monate.

Ich vermisse dich Moony.

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