Die Vorlesung über die Vorlesung an sich

Ich habe gerade die Online-Prüfung zur Ringvorlesung zum Thema Vorlesung aus dem WS 06/07 abgelegt. Man musste eine Prüfungsfrage in einem MS-Word Dokument beantworten und auf die E-Lerning Plattform der Uni Wien hinaufladen.

Prüfungsfrage: "Welche Probleme der Wissensvermittlung ergeben sich aus dem Mitschreiben und den Mitschriften einer Vorlesung?"

Meine Antwort:

Die Vorlesung ist etwas einzigartiges. Auch wenn wir in dieser Lehrveranstaltung Tonbandaufnahmen zur Verfügung hatten, so spiegeln diese doch nicht die gesamte Athmosphäre der Wissensvermittlung in der Vorlesung selbst wider. Dieser Effekt des Informationsverlusts wirkt sich umso mehr auf Mitschriften aus – diese transformieren die gesprochenen bzw. gehörten Inhalte in eine unvollständige schriftliche Form. Eine Mitschrift mag zwar eine hilfreiche Stütze sein bei der Rekapitulation des vorgetragenen Stoffes, doch ist sie auch etwas subjektives, etwas interpretierendes, das den Inhalt zumindest leicht verändert wiedergibt. Zugleich entzieht sie sich aber jeglicher Kritik – sie suggeriert schließlich das Bild einer perfekten Kopie der Vorlesung.

Es entsteht also die Gefahr einer Überbewertung der Mitschrift. Dies mag für die ErstellerIn noch einen geringeren Effekt haben (sie kann sich schließlich die Vorlesungssituation in Erinnerung rufen), so hat es für dritte Personen, die die Vorlesung nicht besucht haben, viel stärkeren Einfluss. Die Verknüpfung der Vorlesungssituation mit dem eigenen geschriebenen Wort fällt also in diesem Fall weg, es entsteht eine neue Entität von Information, die natürlich von der dritten Person (zumindest leicht) anders aufgefasst bzw. interpretiert wird.

Ist es daher überhaupt sinnvoll Mitschriften zu tauschen oder weiterzugeben? Ja, meiner Meinung nach schon. Im Zentrum einer universitären Lehre sollte die Wissensvermittlung stehen, egal auf welchem Weg diese stattfindet. Man sollte den Studierenden ein derartig differnziertes Denken und Auffassen zutrauen, dass sie sowohl die Verkürzung als auch die Veränderung in einer Mitschrift bedenken und in die Wissensaneignung miteinbeziehen.

Kommen wir zurück zum Mitschreiben an sich: Hier gehen die Meinungen auseinander. Während für viele die Mitschrift eine Konzentrationshilfe darstellt und bereits einen zusätzlichen Lerneffekt während der Vorlesung ausmacht, ist sie für andere eher ablenkend und paralleler Mehraufwand. Letzteres kann ein Problem sein, wenn eine Person ungestört mit allen Sinnen dem Inhalt einer Vorlesung folgen will. Man sollte es also wiederum den Studierenden (bzw. den ZuhörerInnen) überlassen, wie sie sich am besten die vorgebrachten Themen aneignen, verinnerlichen und darüber reflektieren können. Ich selbst ziehe es vor nicht mitzuschreiben und meine volle Aufmerksamkeit auf die Vortragende zu richten, um vielleicht auch zwischendurch mit einer Zwischenfrage die starre Struktur „Vorlesung“ zu brechen. Das ganze wird mir in meinem technischen Studium leicht gemacht: Nahezu in allen Lehrveranstaltungen gibt es Materialien, die den Studierenden zur Verfügung gestellt werden. Wenn dem nicht so ist (oder die Materialien schlecht sind), dann formieren sich die Studierenden untereinander und verbreiten selbst zusammengestellte Materialien über die neuen elektronischen Medien. Dadurch habe auch ich bei der Wiederholung des Stoffes genügend Unterlagen zur Verfügung und kann eine Vorlesung ohne Mitzuschreiben voll genießen. Diese Entwicklung wird sich in Zukunft fortsetzen – mit einer Verfügbarkeit von vielen Materialien unterschiedlicher Quellen wird sich einerseits die Objektivität der Lehre erhöhen, und andererseits werden die Probleme bei der Wissensvermittlung durch erzwungenes Mitschreiben in den Hintergrund treten.

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